“Aufmerksamkeitsdefizit” -
Philipp Erlachs Artikel aus der 'absatzwirtschaft'

bild_philipp

Philipp Erlach, Geschäftsführer bei Vier für Texas, macht sich professionell und privat Gedanken über (seinen) Zeitkonsum im Netz. In der absatzwirtschaft hat Philipp nun einen Artikel zum Thema “Aufmerksamkeitsdefizit” veröffentlicht. Hier könnt ihr lesen, warum nichts so richtig umsonst ist – auch nicht, wenn’s nichts kostet.

 

Einmal im Jahr erhalte ich aus meiner oberschwäbischen Heimat einen Anruf von Frau Müller, die bei der dortigen Kreissparkasse arbeitet. Nicht, dass mein Konto wieder voll sei und überzulaufen drohe, berichtet sie, nein, Frau Müller bringt News zum Thema Altersvorsorge: „Herr Erlach, däs Thäma ischt eine tiggende Zeidbombe, da müsse mer was mache.“ Offensichtlich liege ich bei der Kreissparkasse Ravensburg „auf Wiedervorlage“ − ebenso wie deren Heilmittel zur Vermehrung von Kapital: „sparen“ und „mitnehmen vom Staat, was geht, am besten bausparen“. Was Frau Müller nicht ahnt: „das Geldsparen“ und „der Bausparvertrag“ bekommen gerade Konkurrenz von einer Ökonomie des Kostenlosen, wie sie Chris Anderson in seinem Buch „Free“ beschreibt.

„Umsonscht“, sagt Frau Müller bestimmt, „ischt der Tod – und der koschtets Läben.“ Und sie kichert vergnügt über so viel Unverstand. Recht hat sie ja mit dem Satz, wenn auch in etwas anderer Betonung: Umsonst ist der Tod – jeglichen Nachdenkens und damit die erste Voraussetzung der Kostenlosökonomie. Denn an der Grenze zwischen 0 und 1 Cent verläuft ein Graben, der als Penny-Gap bezeichnet wird: die Schwierigkeit für einen Online-Dienst, nicht diesen oder jenen Preis zu bekommen, sondern überhaupt einen. Denn sobald wir für etwas überhaupt bezahlen sollen, denken wir nach, ob wir die richtige Entscheidung treffen, wägen das Für und Wider ab – und lassen es in der überwiegenden Zahl der Fälle sein. Kostenlos hingegen ist ein, wie man auf Amerikanisch sagt, „no-brainer“, also etwas, worüber man nicht nachdenken muss. Wir wollen eben nicht für 1 Cent nachdenken …
Die Konsequenz daraus ist, Dienste wie E-Mail-Konten, Online-Musik, Speicherplatz, Community-Funktionen etc., die von dem niedrigen Grenznutzen des Internets profitieren, nicht billig, sondern kostenlos anzubieten – und dafür etwas anderes zu verkaufen, nämlich die Zeit der Nutzer.
Aufmerksamkeit wird so die neue harte Währung im Internet.
Und die kann mit AdWords, Facebook-Werbung, Sponsored Links etc. bei der Industrie wieder in klingende Münze umgetauscht werden. „Wir sind Zeitdiebe“, sagt die tonangebende Internetagentur Farfar, obwohl man angesichts der im Internet zu erbeutenden Bagatellsummen vielleicht eher von Zeitschnorrern sprechen kann. „Hast du mal ne Minute, da hat jemand deinen Status kommentiert?!“ Und: „Hast du mal ne Sekunde, hier ist ein Bild von mir?!“ We spend time in internet – wir geben Zeit im Internet aus, wie es im Englischen treffend heißt, und gerade weil es nur Kleingeld ist, verlieren wir schnell die Kontrolle über unser Guthaben: Konzentrationsdefizite zeigen an, dass wir unseren Aufmerksamkeits-Dispo schon regelmäßig überziehen. Symptome, wie sie Frank Schirrmacher in seinem Buch „Payback“ beschreibt, lassen sogar eine Privatinsolvenz, ehemals als Burn-out bekannt, befürchten: „Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach.“
Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn alle Nutzer Panik bekämen und ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig abzögen.
Aber wir wollen ja nicht gleich den Teufel an die Wand malen, das Internet macht ja auch Spaß. Nur sollten wir nicht ständig unser Konto überdehnen und auch mal was zur Seite legen.
Ach, Frau Müller, Sie haben ja so recht!

* * * *
Hier “Aufmerksamkeitsdefizit” von Philipp Erlach als pdf herunterladen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>